Willkommen bei der Philharmonia Zürich


Gespräch


Das Stück ist so spannend wie eine Oper

Mit einem kapitalen Werk der Oratorienliteratur geht die Spielzeit 2017/18 am 15. Juli zu Ende: Unter der Leitung von Fabio Luisi führen die Philharmonia Zürich, der Chor der Oper Zürich und vier Gesangssolisten Felix Mendelssohn Bartholdys «Elias» auf. Ein Gespräch über einen grossen Oratorienkomponisten der Romantik.

Fabio, am 15. Juli dirigierst du Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium Elias. Welchen Rang nimmt dieses Werk für dich in der Oratorienliteratur ein?
Es gehört zu den absoluten Meisterwerken von Mendelssohn und ist in der romantischen Literatur für mich eines der bedeutendsten, wenn nicht das bedeutendste oratorische Werk. Elias ist herausragend komponiert und dramaturgisch extrem wirkungsvoll. Das Stück ist fast so spannend wie eine Oper. Es wird deshalb manchmal sogar szenisch aufgeführt.

Wir präsentieren es konzertant. Worum geht es in dem Stück?
Es geht um den biblischen Propheten Elias und um seinen Kampf gegen den Abfall vom Gottesglauben, wie er im  Alten Testament beschrieben wird. Elias klagt den israelischen König Ahab an, Gottes Gebote missachtet und sich dem heidnischen Gott Baal zugewandt zu haben. Das Volk ruft Baal an, aber der antwortet nicht. Als Elias den wahren Herrn anruft, fällt ein Feuer vom Himmel und tötet die Propheten Baals. Im zweiten Teil setzt sich der Konflikt um die Baals­Verehrung fort. Elias flieht in die Wüste zum Berg Horeb, dort erscheint ihm Gott, und Elias fährt am Ende zum Himmel auf. Das ist natürlich eine stark verkürzte Darstellung des Geschehens eines wirklich grossformatigen Oratoriums für Chor, Orchester und vier Gesangssolisten.

Was sind musikalisch die Höhepunkte des Stücks?
Die Anrufung Baals im ersten Teil zum Beispiel. Elias will dem Volk beweisen, dass es von diesem Baal nicht gehört wird, und dass es ihn gar nicht gibt. Dreimal setzt der Chor zur Anrufung an, und Elias fordert höhnisch: «Rufet lauter!» Aber es kommt keine Antwort. Das ist in seiner musikalischen Steigerungsdramatik von Mendelssohn sehr eindrucksvoll gebaut. Ein weiterer Höhepunkt ist natürlich die spektakuläre Szene im zweiten Teil, in der sich Gott dem Propheten offenbart. Der Chor singt von den Naturgewalten, die die Erscheinung Gottes begleiten, vom Sturm, der erbebenden Erde, dem Feuer, alles sehr plastisch in der musikalischen Darstellung. Und dann heisst es: «Aber der Herr war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.» Dieses «Sausen» gehört zum Schönsten, das Mendelssohn Bartholdy überhaupt geschrieben hat. Es ist ein Moment von grosser berührender Einfachheit!

Mendelssohn Bartholdy entwirft das Bild von einem sanftmütigen Gott.  Es ist nicht der furchterregende Gott des Alten Testaments.
Genau. Dieser Gott ist lieblich und den Menschen zugewandt. Und das musikalisch zu formen, kann keiner so gut wie Mendelssohn. Seine Zurücknahme der musikalischen Mittel verstärkt die Aussage viel mehr, als wenn sie mit Pauken und Trompeten geschrieben wäre.

Was macht Mendelssohn Bartholdy als Oratorienkomponist insgesamt aus?
Er hat sehr viele Chorwerke geschrieben und vermag grossartig mit dem Instrument des Chores umzugehen. Im Elias­-Oratorium setzt er den Chor dramatisch ein. Im Paulus, dem anderen grossen Oratorium, das er zuvor geschrieben hat, setzt er mehr auf protestantische Choralformen. Da spürt man natürlich die Nähe, die er zu Bach und seinen Oratorien hatte. Er versteht seine Werke als Fortsetzung der Bachschen Tradition, die er ja im 19. Jahrhundert auch mit seiner Wiederaufführung der Matthäus-Passion zu neuem Leben erweckt hat. Im Paulus dominiert der erzählende, epische Charakter, im dramatischeren Elias wird die Hauptfigur selbst zum Träger der Handlung und rückt als Subjekt ins Zentrum des Geschehens.

Man sagt Mendelssohn Bartholdy nach, dass ihm das Komponieren eher leicht von der Hand ging, aber an dem Elias hat er zehn Jahre komponiert. Er hat sich an dem Werk abgearbeitet wie an kaum einem anderen. Was könnte der Grund dafür sein?
Es geht in Elias um etwas für Mendelssohn Bartholdy sehr Wesentliches und Persönliches – nämlich um seine jüdischen Wurzeln. Elias ist ein jüdisches Oratorium. Mendelssohn entstammt ja einer traditionsreichen jüdischen Familie. Er war Enkel des bedeutenden jüdischen Philosophen und Aufklärers Moses Mendelssohn, und ist zum Protestantismus konvertiert. Gleich nach seiner Geburt wurde er christlich getauft, das war der Weg der Assimiliation und Emanzipation, den im 19. Jahrhundert viele Juden nahmen. Mendelssohn Bartholdy war ein überzeugter Christ, blieb aber trotzdem in seiner jüdischen Identität verwurzelt. Und das wird Thema in Elias.

Kommt da nicht auch ein überkonfessonelles Denken zum Ausdruck?
Wie bei vielen grossen Künstlern und Komponisten, die sich nicht in das enge Korsett des Konfessionellen einzwängen liessen. Nehmen wir Bach: Er hat eine h-Moll-Messe geschrieben. Oder Verdi, der vielleicht ein Glaubender, aber auf jeden Fall antiklerikal  eingestellt war.

Von daher passt unsere Aufführung des Elias durchaus in den Festivalkontext, in den das Konzert einge bunden ist. Wir spielen es im Rahmen des Festivals 500 Jahre Reformation.
Ich finde, das passt durchaus gut da hinein. Das Oratorium bewegt sich im Spannungsfeld von Mendelssohn Bartholdys doppelter religiöser Identität, anders als Paulus, das eindeutig  christlicher konnotiert ist.

Wie ist denn deine ganz persönliche Beziehung zu Felix Mendelssohn Bartholdy?
Ich habe immer viel von ihm gespielt, die Sinfonien, die Oratorien, die Klavierkonzerte, das Violinkonzert. Auch am Klavier habe ich selbst viel gespielt. Ich mag seine Klarheit im Ausdruck. Ich mag diese heller getönte, Sturm­und­Drang­Seite des Romantischen, die seine Musik offenbart. Sie folgt weniger den schwarzen, abgründigen Seiten, wie wir sie etwa bei Schumann finden.

Rührt deine Leidenschaft für diesem Komponisten auch aus der Zeit, als du in der Mendelssohn­Stadt Leipzig als Dirigent des MDR­-Sinfonieorchesters gewirkt hast?
In Leipzig wird Mendelssohn Bartholdy kultisch verehrt. Da habe ich alleine die Oratorien mehrmals dirigiert. Aber begonnen hat meine Liebe zu diesem Komponisten schon viel früher.


Das Gespräch führte Claus Spahn.
Dieser Artikel ist erschienen in MAG 60, Juni 2018.
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Konzertsaison 17/18 

Philharmonia Zürich, Orchestra La Scintilla, Ensemble Opera Nova

Unsere Konzertreihe mit der Philharmonia Zürich und dem Orchestra La Scintilla spannt in dieser Spielzeit den musikalischen Bogen über vier Jahrhunderte: Er reicht von italienischer Barockmusik des 17. Jahrhunderts über wichtige Orchesterwerke und Instrumentalkonzerte des 18. und 19. Jahrhunderts von Mozart, Beethoven, Dvořák, Bruckner, Ravel und Strawinsky bis hin zu ausgewählten italienischen Komponisten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Einen Höhepunkt unserer Konzertsaison bildet Mendelssohns grossformatiges Oratorium Elias. Freuen Sie sich auf die Pianistin Hélène Grimaud, die gleich zweimal in Zürich zu Gast ist, auf den Tenor Juan Diego Flórez, der Mozart-Arien interpretiert, auf die Rückkehr der Dirigenten Teodor Currentzis und Alain Altinoglu und natürlich auf unseren Generalmusikdirektor Fabio Luisi, der bei vier Sinfoniekonzerten am Pult der Philharmonia Zürich steht.


Fabio Luisi


Fabio Luisi, Generalmusikdirektor des Opernhauses Zürich

stammt aus Genua. 2011 wurde er zum Principal Conductor der Metropolitan Opera in New York ernannt, nachdem er dort bereits seit September 2010 als Principal Guest Conductor amtiert hatte.

Fabio Luisi ist Generalmusikdirektor des Opernhauses Zürich, Chefdirigent des Danish National Symphony Orchestra und designierter Musikdirektor des Maggio Musicale Fiorentino. Von 2012 bis 2013 war Fabio Luisi Principal Conductor der Metropolitan Opera in New York, zuvor Chefdirigent der Wiener Symphoniker (2005- 2013), Generalmusik­direktor der Staatskapelle Dresden und der Sächsischen Staatsoper (2007-2010), Künstlerischer Direktor und Chefdirigent des MDR Sinfonieorchesters Leipzig (1999-2007) und Musikdirektor des Orchestre de la Suisse Romande (1997-2002), mit dem er zahlreiche CDs aufnahm (Poulenc, Respighi, Mahler, Liszt, eine Gesamtaufnahme der sinfonischen Werke von Arthur Honegger und Verdis Jérusalem und Alzira). Er ist Musikdirektor des «Festival della Valle d’Itria» in Martina Franca (Apulien) und Gastdirigent renommierter Klangkörper, darunter das Philadelphia Orchestra, das Cleveland Orchestra, das NHK Tokio, die Münchner Philharmoniker, die Fil­ar­monica della Scala, das London Symphony Orchestra, das Concertgebouw Orkest Amsterdam, das Saito Kinen Orchester sowie zahlreiche namhafte Opernorchester. Bei den Salzburger Festspielen trat er mit Richard Strauss’ Die Liebe der Danae und Die Ägyptische Helena hervor. Zu seinen bedeutendsten Dirigaten am Opernhaus Zürich zählen bisher u.a. die Neuproduktionen von drei Bellini-Opern sowie Rigoletto, Fidelio, Wozzeck und Verdis Messa da Requiem. Zu seinen CD-Aufnahmen gehören Verdis Aroldo, Bellinis I puritani und I Capuleti e i Montecchi, sämtliche Sinfonien von Robert Schumann sowie Sinfonien und das Oratorium Das Buch mit sieben Siegeln des vergessenen österreichischen Komponisten Franz Schmidt. Ausserdem liegen verschiedene sinfonische Dichtungen von Richard Strauss und eine hochgelobte Aufnahme von Bruckners 9. Sinfonie mit der Staatskapelle Dresden vor. Für die Einspielungen von Siegfried und Götterdämmerung mit dem Orchester der Met erhielt er einen Grammy, 2013 wurde ihm der begehrte italienische Kritikerpreis Premio Franco Abbiati und 2014 der Grifo d’Oro der Stadt Genua verliehen. Er ist Träger des Bruckner-Ringes der Wiener Symphoniker sowie Kavalier der italienischen Republik. Im 2015 neu gegründeten Label «Philharmonia Records» der Philharmonia Zürich erschienen unter seiner Leitung bisher Werke von Berlioz, Wagner, Verdi, Rachmaninow, Bruckner, Rimski­ Korsakow und Frank Martin sowie die DVDs zu Rigoletto (Regie: Tatjana Gürbaca), Wozzeck (Regie: Andreas Homoki), I Capuleti e i Montecchi (Regie: Christof Loy) und die Messa da Requiem (Regie/Choreografie: Christian Spuck).